Augsburg, den 20-Mai-2020

Offener Brief an die Stadtverwaltung / Stadtrat von Augsburg

Zum Thema Umbenenung der Langemarckstraße in Kriegshaber

Wie im letzten Jahr dieses Thema in der Zeitung und später auch im Stadtrat diskutiert wurde, hat mich Herr Gnann (Hotel Langemarck) gebeten, meine Einschätzung zu diesem Thema abzugeben.
Hier ist der ungekürzte Schriftwechsel vom 20-11-2019

Hallo Herr Gnann,

auch ich bin dafür, dass der Straßenname erhalten bleibt.

Das Argument, dass dies auch eine Erinnerung an die großen Opfer dieser Schlacht ist, ist mir wichtiger als das Argument, dass dies eine Verherrlichung des Sieges der deutschen Truppen wäre.

Vermutlich hatten natürlich die Initiatoren dieser Benennungen nach 1918 letzteres im Sinn gehabt, aber wer weiß das schon noch von den heute lebenden Personen.

Eine Erinnerung an die Verluste eines Krieges ist sicher wichtig. Nachdem es bereits 74 Jahre her ist, dass der letzte Krieg vorbei ist, haben die meisten Lebenden überhaupt keine Erinnerung an die schrecklichen Folgen eines Krieges. Ich persönlich kann mich noch an den Einmarsch der amerikanischen Truppen in Hausham  (mein Geburtsort und Wohnort bis 1967) am 02-Mai-1945  erinnern und an die Flucht der Bewohner von Hausham vor der SS nicht die Flucht vor den Amerikanern. Wir sind damals 2 oder 3 km Richtung Tegernsee vor der SS geflohen, die gedroht hatten, uns zu bestrafen, weil wir weiße Bettücher in die Fenster gehängt haben. Nachdem die Amerikaner am 2-Mai-1945 Hausham nicht mehr vollständig besetzten konnten, haben sie sich bis ca 2km westlich von Hausham zurückgezogen. Wir sind bei Nacht bis zur Fehner Schmiede geflüchet, also hinter die amerikanischen Linien. Erst man nächsten Tag, als die US-Armee Hausham und auch Schliersee besetzt hatten, sind wir wieder heim gegangen.

Ich habe Ihren Opa noch gekannt, er hat mir in den 1990er Jahren einige seiner geschichtlichen Unterlagen zur Verfügung gestellt, z.B. die Liste der Gräber auf dem israelitischen Friedhof und auch die Artikel aus der Gedenkschrift 70 Jahre Kriegshaber ein Stadteil von Augsburg.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz Wember


Am 21.11.2019 um 07:30 schrieb Alexander Gnann:
Sehr geehrter Herr Wember,

wie Sie sicherlich aus den Medien entnehmen konnten steht eine Umbenennung der Langemarckstr. bevor. Die Gewerbetreibende und Anwohner dieser Straße sprechen sich für den Erhallt des Straßennamens aus.

Ich wollte Sie um Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema bitten.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Gnann (Enkel von Alois Gumpinger)



Dann möchte ich Sie noch an einen Schriftverkehr aus den 1920er Jahren erinnern, so wie er in den Bauakten des Stadtrats von Augsburg, StadtAA 45 630 5. Band 1912-1927 festgehalten ist:

Der Deutsche Offiziersbund Ortsgruppe Augsburg e.V. hat mit Datum vom 28.06.1923 an den Stadtrat der Kreishauptstadt Augsburg ein Schreiben betreffs Umbennennung von Straßen und Plätzen nach Schlachtennamen gerichtet. Darin wurde einige Vorschläge gemacht, die auch Straßennamen betrafen, die es heute noch in Kriegshaber gibt:

1. Saarburg
"Zur Erinnerung an die Lothringer oder Saarburger Schlacht. Sämtliche 3 Truppenteile des hiesigen Standorts, sowie die zur 1. Reserve Division gehörigen Truppen, also hier Res.Inf.Regt. Nr. 3 und Res.Feldart.Regt Nr. 1 waren an ihr beteiligt. Die 3 aktiven Regimenter haben auch bei Saarburg den Boden des Kriegsschauplatzes zuerst betreten, waren hier beim Grenzschutz beteiligt, kämpften dabei bei Blâmont Girey und zeichneten sich am 20. August 1914, dem Tage der Saarburger Schlacht bei St.  Johann (Res.Inf.Regt Br.3 und Res.Feldart.Rgr. Nr.1) bei Saaraltdorf und am Saar-Wald (4.F.A.Reft.) aus."
Mit Datum vom 20. Juli 1926 wurde ein Beschluss zur Straßenbenennung gefasst: "Die südlich der Landvogtstrasse zukünftig an der Ulmer Bahnline beginnende, unter Kreuzung der Grenz-, Weldishofer- und Reinöhlstrasse über den Exerzierplatz nach Westen führende und voraussichtlich bei der Habsburgerstrasse endigende Strasse wird "Saarburg-Strasse" genannt.

6. Arras
Zu dieser Umbennung für eine Straße kam es nach meiner Kenntnis nicht, jedoch war der ursprüngliche Name der später als Reese-Kaserne benannte Name Arras-Kaserne.
"Schauplatz zahlreicher Kämpfe der Jahre 1914/18, die sich in der ganzen nordöstlichen, östlichen und südöstlichen Umgegend der Stadt zugetragen und bei denen sich fast alle unsere Augsburger Reservetruppen und auch das 4.Feldart.Regt., das Res.Inf.Regt Nr. 3 und Nr. 17, das Res.Kavallerie-Regt. Nr. 1 und das Res.Feldart.Regt. Nr. 1 ausgezeichnet haben."

7. Flandern
"In Westflandern haben alle Augsburger Regimenter mit Ausnahme des 4. Chev.Regt. im Nordosten, Südosten und Südwesten ruhmvoll gekämpft; außer Wytschaete sind alle Brennpunkte der Kämpfe vor Allem Paschendaele, Hollebecke, Zwartemolenhoek und noch viele andere zu nennen. Bei Wegnahme des Kemmel-Berges hat auch die 3. Eskaron des 4.Chev.Regts. im Verbande des Alpenkorps mitgewirkt."

10. Somme
"An den Kämpfen an der Somme haben sich von Herbste 1914 bis fast zum Ende des Krieges sämtliche Augsburger Truppenteile stark beteiligt. Foucoucourt wurde bereits genannt, während der eigentlichen Somme-Schlacht in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 waren besonders beteiligt das 4.Feldart.Regt., die Res. Regimenter Nr. 3 und 17, das Res.Feldart.Rgt. Nr. 1."

13. Vogesen
"In den Vogesen kämpfte das Landwehr-Inf.Regt Nr. 3, sowie die 2. Landwehr-Eskardon I. Armee-Korps während des ganzen Krieges mit grosser Ausdauer und Tapferkeit und zeichneten sich dort am Buchenkopf und in den Bergen zwischen Markirch und dem Münsterthal aus."

Die Intention, dieses Schreibens des Offiziersbundes an den Stadtrat von Augsburg zu richten, ist in etwa ähnlich, wie die 1939 erfolgte Straßennamenänderung der Habsburgerstraße in Langemarckstraße.
Natürlich haben wie heute nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Einstellung zu dem Thema Krieg. Man muss aber daran erinnern, wie die Lage kurz nach dem Ersten Weltkrieg war. Deutschland wurde als der einzige Verursacher des Ersten Weltkrieges gebrandmarkt, dies wurde sogar schriftlich im Versailler Vertrag festgehalten. Heute 100 Jahre später hat auch die historische Wissenschaft eine differenziertere Meinung zu den Ursachen des Ersten Weltkrieges. Nicht zuletzt wird von der NS-Propaganda in den 1930er Jahren der Versailler Vertrag negativ, um es neutral zu auszudrücken, beurteilt. Man kann heute sagen, der Versailler Vertrag war auch eine Ursache, natürlich nicht die einzige und natürlich auch nicht der wichtigste Ursache des folgenden Zweiten Weltkrieges.
Der auch in Deutschland sehr bekannte Historiker Christopher Clark hat dies in seinem Buch "Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" differenziert dargestellt. Ich nehme sicher an, dass die meisten Stadträte dieses Buch gelesen haben bzw. davon gehört haben.

Die NS-Regierung hat mit der Umbenennung der Habsburgerstraße wohl ihren späteren "Prinzenerlass" vorbereiten wollen.

Ich frage mich nun, ist die Umbenennung der oben genannten Straßen nicht ähnlich der Umbenennung der Habsburger Straße?
Ich habe gelesen, wie viele Langemarckstraßen es in Deutschland gibt, werden diese alle umbenannt? Natürlich ist ein Straßenname, der an eine Schlacht erinnert, von der man meint, das deutsche Heer hat hier gewonnen, problematisch.

Ich bin der festen Überzeugung, dass heute die überwiegende Mehrheit der deutschen wie auch der Bevölkerung der anderen europäischen Staaten dies diffenzierter sieht, wenn sie sich überhaupt dafür interessieren. Ich kenne Meinungen der nächsten Generation, also die heute 30 bis 60 Jahre alt sind, die mit der Geschichte des Nationalsozialismus überhaupt nichts am Hut haben und dies mit der Bemerkung "Damit habe ich nichts zu tun" abtun.

Natürlich sehe ich das nicht so, wir haben etwas damit zu tun. Aber nun eine Straße umzubennen, löst das Problem nicht. Man könnte ein Zusatzschild unter den Straßennamen anbringen und sagen, dass dies an die vielen Opfer der deutschen und auch allierten Soldaten erinnert. Ich bin sicher, dass 99 % der heutigen Bevölkerung weder etwas von der Schlacht um Langemarck noch Saarburg, Arras, Flandern Somme oder Vogesen weiß.

Ein ganz ähnliches Thema sind die versuchten Straßennamenänderungen, wenn es um Personen geht, die in der Zeit von 1933-1945 gearbeitet haben, ich nenne da nur all die Künstler, die man zwangsweise in die NS-Organisation der Künstler gedrängt hat, sonst hätten sie nicht mehr ihren Beruf ausüben können.

Ich schreibe erst heute, weil ich nicht geglaubt hätte, dass es überhaupt zu einer Straßennamenänderung kommen wird, aber es ist noch nicht zu spät. Der neue Stadtrat kann darüber noch einmal beraten. Es wird immer viel über Demokratie gesagt und geschrieben, aber wenn die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung zu einem Thema eine andere Meinung hat, das spielt dies offensichtlich überhaupt keine Rolle.

Mit freundlichen Grüßen
Heinz Wember

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Antwort von der Stadt Augsburg 25-Mai-2020

Sehr geehrter Herr Wember,

 
vielen Dank für Ihre kenntnisreiche Mail, die zuständigkeitshalber an mich weitergeleitet wurde.

 
Der Stadtrat hat sich, nach intensiver Beschäftigung mit dem Thema, in der Sitzung im April mehrheitlich für die Umbenennung der Langemarckstraße ausgesprochen und die Verwaltung mit der Umsetzung dieses Beschlusses beauftragt. Dass die Umbenennung der Langemarckstraße noch einmal durch den neuen Stadtrat aufgegriffen wird, ist daher sehr unwahrscheinlich.

 
Weitere Informationen zu dem Vorgang finden hier:
https://www.augsburg.de/kultur/erinnerungskultur/umstrittene-strassennamen

 
Es tut mir leid, Ihnen keine positivere Mitteilung machen zu können.

 
Mit freundlichen Grüßen

 
Felix Bellaire

  

Dr. Felix Bellaire

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

 
Kulturamt Augsburg

Fachstelle für Erinnerungskultur

Bahnhofstr. 18 1/3a

86150 Augsburg

Tel.: +49 (0)821 324-3255

Fax: +49 (0)821 324-3252

erinnerungskultur@augsburg.de

www.augsburg.de/erinnerungskultur


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Änderungsstand: 27-Mai-2020
Heinz Wember